wandergäste
„Als Stimulator der Wahrnehmung unserer selbst und der anderen ist die Kunst intellektueller Ideengeber und ein Motor für das Funktionieren und den Wandel unseres Seins. Damit gehört sie fundamental zur demokratischen Verfasstheit unserer Gesellschaft.“
Stefanie Kreuzer im Katalog zur Ausstellung Duett mit Künstler:in, Museum Morsbroich 2017
wanderspace lädt Künstler:innen ein, im ländlichen Südwestfalen zu arbeiten und sich über einen längeren Zeitraum mit der Region und ihren Besonderheiten zu befassen. Es entsteht jeweils eine künstlerische, bleibende oder temporär angelegte Arbeit vor Ort. Ein wesentliches Moment der wandergäste ist die Möglichkeit zur Partizipation und die Einbindung der Menschen vor Ort. Dies kann im Kunstwerk angelegt sein und/oder durch ein Rahmenprogramm initiiert werden.
Finn Wagner "Mythos Eisen"
Als Wandergast im Wintersemester 2025/26 forscht Finn Wagner am Material Eisen. Für die keltischen Kulturen besaß Eisen eine Bedeutung, die über seine praktische Nutzung hinausging: Es galt als „Blut der Erde“ mit Schutzkraft und spiritueller Verbindung zur Natur. Schmiede wurden als Träger von Geheimwissen verehrt. Mit der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert wandelte sich dieses Verständnis grundlegend. Natur wurde nun wissenschaftlich erforscht, Eisen verlor seine symbolische Aufl adung und wurde zum funktionalen Werkstoff der Industrialisierung. Eine zentrale Rolle spielten Kupferstiche als Medium wissenschaftlicher Darstellung, die unsichtbare Phänomene sichtbar machten und zur Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens beitrugen.
Finn Wagners künstlerische Praxis basiert auf der Erforschung materieller, natürlicher und sozialer Prozesse durch experimentelle, oft handwerklich geprägte Zugänge. Eigens entwickelte Werkzeuge und Techniken – wie das Gießen von Metall, das Schmelzen von Gestein mit Sonnenlicht oder das Formen von Leder – dienen der Analyse von Materialverhalten und der Ableitung metaphorischer Strukturen.
Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Forschung steht der Dialog zwischen traditionellem Handwerk und zeitgenössischer Technologie. Mithilfe immersiver Videoinstallationen und 3D-Animationen, die in analoge Verfahren überführt werden, verbindet er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu spekulativen Architekturen. Seine Arbeiten thematisieren die Beziehung zwischen Natur und Kultur sowie die Wechselwirkungen zwischen menschlichen Artefakten und ihren Landschaften.
Finn Wagner ist viele Wochen im Siegerland unterwegs gewesen und hat zum Ursprung der Eisengewinnung im Siegerland geforscht. Er hat zahlreiche Orte ausfindig gemacht und diese fotografiert und gefilmt. Das entstandene Material ist Teil seiner künstlerischen Arbeit „Mythos Eisen“. Eisen steht beispielhaft für einen grundlegenden Wandel im Verhältnis zwischen Mensch und Material: vom magischen Element zum funktionalen Rohstoff – und von der mythologischen Erzählung zur wissenschaftlichtechnischen Realität.
In Siegen lässt sich dieser Wandel exemplarisch nachvollziehen. Die Region ist seit der keltisch-römischen Zeit eng mit der Eisengewinnung verbunden und entwickelte sich im Mittelalter zu einem bedeutenden Montan- und Hüttenstandort. Während Eisen früher Teil eines rituellen Weltbezugs war, wurde es hier zur Triebkraft industriellen Fortschritts.
Projektpräsentation:
Sa. 23.01.2026,
13 bis 15 Uhr
Ausgrabungsstätte Gerhardsseifen im Dreiborntal, Siegen
Wegbeschreibung: Besucherparkplatz Am Rosengarten 58, 57080 Siegen-Niederschelden (hinter dem Sportplatz), von dort aus 800 m über den EisenZeitReiseWeg zur Ausgrabungsstätte
Die Veranstaltung wird fotografisch dokumentiert.
Mehr Infos über Finn Wagner
Buchpräsentation STADT+LAND am 25.06.2025 in der Spandauer Str. 40, Siegen ↑
Abendessen am 08.01.2025 im Junkermarkt, Kreuztal ↑
Abendessen am 23.10.2024 im Showroom, Sandstr. 22, Siegen ↓
Fotos: Hannes Egger, Stefanie Klingemann, Kai Gieseler, Lea Segieth, Charlotte Figulla
Hannes Egger "STADT+LAND"
Im Sommer 2024 ist der Künstler Hannes Egger mehrere Wochen im Siegerland unterwegs gewesen und hat mit der Siegener Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt Kontakt aufgenommen. Ausgangspunkt ist hierbei ein Sammelsurium an Geschirr, welches der Künstler aus seiner Heimat in Südtirol mitgebracht hat. Teller und Tassen dienten als Objekte zum Tausch gegen „Siegerländer“ Geschirr. Der Künstler ist dabei mit zahlreichen Menschen ins Gespräch über das Leben in der Region gekommen und hat hierbei die Einladung zum gemeinsamen Abendessen ausgesprochen.
Mit „STADT+LAND“ entsteht ein partizipatives Happening, in dem der Künstler das Zubereiten von Speisen und das miteinander Essen als Anlass schafft, um den Austausch über folgende Fragen zu vertiefen: Wo beginnt Siegen und wo hört es auf? Was unterscheidet Stadt und Land? Woran kann Stadtrand erkannt werden und wozu dient er? Was ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land im 21. Jahrhundert?
Für den wanderspace entwickelt Hannes Egger aus seiner minimalistischen Zeichensprache, die einfach anmutende Figuren in zahlreichen Zeichnungen darstellt und an Piktogramme, Comics oder Kinderzeichnungen erinnert, Bildergeschichten von dem Leben auf dem Land, am Rande der Stadt und dem städtischen System.
Hannes Egger (*1981, Meran, Italien) ist ein Konzeptkünstler. Er bewegt sich mit seinen Arbeiten in der Tradition der „sozialen Plastik“ nach Joseph Beuys, das künstlerische Objekt ist weniger im Fokus als die sozialen Prozesse, die Egger anregt. In Performances, Installationen und partizipativen Projekten lädt er Menschen dazu ein, unsere umgebende Realität und Lebensräume zu reflektieren. Sein Kunstbegriff bezieht sich nicht auf ein Werk im traditionellen Sinne, sondern besteht darin, Anlässe zu schaffen für einen Austausch. Egger gibt oft einige Koordinaten oder Anweisungen vor, und macht so die Ation des Teilnehmers zum Kunstwerk selbst.
hannesegger.com
Presseartikel vom ersten Abendessen am MITTWOCH 23.10.24 im neuen "Showroom" von wanderspace neben dem ehemaligen Laden von "feinbier Unterwegs", Sandstraße 22, Siegen:
https://www.uni-siegen.de/start/news/oeffentlichkeit/1049452.html
Fotos: Lea Segieth, Stefanie Klingemann, Valeria Fahrenkrog
Valeria Fahrenkrog "Material, Anordnungen, Siegen"
Im Sommersemester 2024 ist die Künstlerin Valeria Fahrenkrog (*1980, Asunción, Paraguay) zu Gast in Siegen. Über die Dauer von mehreren Wochen hat die chilenisch-deutsche Künstlerin ortsspezifische Untersuchungen im Stadtraum von Siegen gemacht.
Fahrenkrogs Ausgangspunkt ist das Arbeitsprinzip des „kleinstmöglichen Eingriffs“ (l'intervento minimo) nach dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt. Die Theorie die Burckhardt mit dem Pariser Landschaftsarchitekten Bernard Lassus entwickelte, vollzog eine fundamentale Kritik am unverantwortlichen Umgang mit begrenzten Ressourcen. Es geht um die Frage, wie sich mit möglichst wenig Aufwand unsere Wahrnehmung verändern lässt. In zahlreichen Spaziergängen vom Stadtzentrum in die Peripherie bis aufs Land, hat die studierte Medienkünstlerin Texturen, Objekte und Formen sowie zufällige Materialanordnungen fotografisch dokumentiert und diese in Zeichnungen und grafische Bildflächen übersetzt. Diese entstandenen Bilder dienen als Ausgangsmaterial zur Intervention im öffentlichen Raum an drei unterschiedlichen Orten in Siegen.
Für den wanderspace startete die Künstlerin ihre Untersuchungen im Herzen der Stadt, im „feinbier Unterwegs“ - dem ehemaligen Outdoorgeschäft an der Sandstraße, der Leerstand dient aktuell als Experimentierfläche der Fakultät II. Ausgehend von den noch deutlich vorhandenen Nutzungsspuren, hat die Künstlerin von dem Innenhof aus, an der Fassade entlang alte Werbetafeln, Banner, Restholz von Einbauten genutzt, und diese als Träger für ihre Zeichnungen, Prints und Malereien umgewandelt. Valeria Fahrenkrog arbeitet mit gebrauchtem Material, und kombiniert dies mit visuellem Material - ihren Beobachtungen im Stadtraum - die sie in Form von Zeichnungen, Grafiken und Malereien auf Fundstücken anbringt.
Die Publikation zu Valeria Fahrenkrog finden sie unter Info > Publikationen.
Mehr zu Valeria Fahrenkrog: dreipalmen.com und mitkunstzentrale.de
Ivo Weber "7 Tage, 7 Hügel – Waldfegen"
Für Oktober 2023 haben wir den Künstler Ivo Weber mit der performativen Kunstaktion
"7 Tage - 7 Hügel. Waldfegen" eingeladen. Er entwickelte, ausgehend von seiner seit über achtzehn Jahren erfolgreichen Reihe Waldfegen, ein Konzept, welches speziell auf das Siegerland Bezug nimmt.
An sieben Tagen nahmen Siegener:innen aus verschieden Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – wie z.B. der Bürgermeister, Kulturschaffende, aber auch weitere Akteur:innen der Waldwirtschaft und interessierte Bürger:innen, Studieren- de, Schüler:innen oder Senior:innen – gemeinsam mit dem Künstler auf den sieben Hügeln der Stadt, vom Giersberg bis zum Siegberg, künstlerische Interventionen vor. Durch das Fegen trugen die Teilnehmenden Sorge für den Wald und das Erscheinungsbild ihrer Stadt. Die gemeinsame Erfahrung und der Austausch untereinander stärkten das Gefühl der Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit innerhalb der Stadtgesellschaft. Als künstlerische-symbolische Handlung, ist das Fegen eine Re-Inszenierung der historischen Kultivierung von Natur. Nach getaner Arbeit wurden die gefegten Areale fotografiert und der vorgefundene Zustand des Waldstücks wiederhergestellt.
Anschließend wurde die dokumentierte Aktion für einige Zeit auf Plakatwänden im Stadtraum präsentiert, um auch auf diese Weise weitere Begegnungen innerhalb der Stadtgesellschaft zu ermöglichen. Den Abschluss der Aktion bildete eine gemeinsame Wanderung vom Schlosspark aus zu den Räumen des Fach Kunst in der Spandauer Str. 40. Teilnehmer:innen des Waldfegens hielten dabei Banner mit Abbildungen der vorausgegangenen Kunstaktion im Wald, um diese auch in den Stadtraum zu tragen.
Die Publikation zu Ivo Weber finden sie unter Info > Publikationen.
Mehr zu Ivo Weber: https://www.ivoweber.de/
Alle Projekte mit Matthias Schamp finden Sie unter: Pilotprojekt Netphen
Die Publikation zu Matthias Schamp finden sie unter Info > Publikationen