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Diskursive Grundlagen
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Raum.Kunst.Vernetzung

Wanderspace (WS) ist ein beweglicher Kommunikationsraum, der gemeinsam mit Künstler*innen und regionalen Akteur*innen in Südwestfalen (SWF) Projekte entwickelt, die kulturelle Teilhabe ermöglichen. Kunst und künstlerische Strategien entfalten sich von dort aus in den ländlichen, öffentlichen Raum, sind Ausgangs- und Bezugsrahmen von Begegnungen. Zentrales Anliegen ist die Einbindung der Menschen vor Ort und die Vernetzung kultureller Akteur*innen in SWF.

Wesentliche Bausteine des WS Projektes sind: Die WS Skulptur als materieller Rahmen, Leuchtturm und Verbindungselement aller Veranstaltungen, die WS Residenzen, in denen Künstler*innen für mehrere Monate in der Region arbeiten, die transdisziplinären Kooperationen mit Institutionen und Vereinen an den Projektorten. WS Pop-Ups sind flankierende, spontane und kleinere Maßnahmen, wie bspw. Vorträge, Workshops für Schüler*innen etc.. Der thematische Rahmen der WS Projekte ergibt sich durch das jeweilige WS Jahresthema.

Wanderspace Skulptur

Die mobile WS Skulptur entfaltet sich vor Ort, Gerüstelemente bilden die Basis. Sie fungiert als Landmarke, die sichtbar ist, wiedererkannt wird und das Projekt symbolisiert. Mit diesem materiellen Wanderspace bekommen alle Aktionen eine sichtbare Verbindung. Im Zentrum des Objektes steht jeweils ein Tisch, eine Bar... Symbol von Gemeinschaft und Begegnung, Zentrum der Kommunikation, weitere Optionen sind ein Billboard, eine kleine Bühne, ein Dach, eine Treppe. Hier können die Künstler*innen und alle Beteiligten zusammenkommen und gemeinsam Zeit erleben. Das WS nimmt unterschiedliche Formen an, je nach Ort. Vom Zentrum ausgehend entfaltet sich je nach Situation ein Gebilde aus weiteren Gerüststangen, die flexibel sind und sich der Situation anpassen, an örtliche Gegebenheiten „andocken“. Die Skulptur soll in den nächsten Jahren in allen WS Projekten zum Einsatz kommen.

Architekturseminar SS21

Leitung: Sarah Bäumer, Prof. Ulrich Exner
Teilnehmende: Studierende der Architektur/ Raumgestaltung, Universität Siegen, SS 21

Die Seminaraufgabe bestand darin, Ideen für die wanderspace Architektur zu entwickeln. Es ging damit um den Entwurf eines modularen, mobilen und temporären Kommunikationsraums, der sich in Abhängigkeit zu den unterschiedlichen Projektorten entfalten und in unterschiedlichen Kombinationen ausgeführt werden kann. Als multifunktionales Raumelement sollte er flexible Nutzungen ermöglichen, z.B. Werkstatt, Küche, Ausstellungsraum oder digitale Medienstation sein können.

Entwurf 1: Tim von der Heyde, Julia Nikesch
Entwurf 2: Jonas Babilon, Emilia Klewin
Entwurf 3: Erik Würker

Wanderspace Residenzen

„Als Stimulator der Wahrnehmung unserer selbst und der anderen ist die Kunst intellektueller Ideengeber und ein Motor für das Funktionieren und den Wandel unseres Seins. Damit gehört sie fundamental zur demokratischen Verfasstheit unserer Gesellschaft.“

Stefanie Kreuzer im Katalog zur Ausstellung Duett mit Künstler*in, Museum Morsbroich 2017

WS lädt professionelle Künstler*innen ein, im ländlichen SWF zu arbeiten und sich über einen Zeitraum von drei Monaten im Kontext des jeweiligen Themenschwerpunktes (Wald, Land, Wasser) mit der Region und ihren Besonderheiten zu befassen.

Die Residenzen bilden ein Alleinstellungsmerkmal, da im ländlichen SWF ein solches Programm im Bereich Bildende Kunst bislang nicht existiert. Es entsteht jeweils eine künstlerische, bleibende oder temporär angelegte Arbeit vor Ort.

Ein wesentliches Moment der WS Residenzen ist die Möglichkeit der Partizipation, die Einbindung der Menschen vor Ort. Dies kann im Kunstwerk angelegt sein und/oder durch ein Rahmenprogramm initiiert werden. Ein wichtiges Element jeder Residenz ist das Summercamp. Das Summercamp ist eine experimentelle mehrtägige Veranstaltung. Es bietet Studierenden, Künstler*innen und Bürger*innen eine Gelegenheit, ihre Ideen im Feld von Kunst und öffentlichem Raum auszutauschen. Wiederkehrende Elemente sind darüber hinaus jeweils ein Start- und Abschluss-Wochenende mit Künstler*innengesprächen oder Vorträgen.

Wanderspace Pop-Ups

Zusätzlich sollen flankierend spontane, kleinere Maßnahmen stattfinden, wie bspw. Vorträge, und (Werbe-) Aktionen, die auf das WS hinweisen, Workshops für Schüler*innen, Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kooperationspartner*innen. Ein erster WS Pop-Up passend zum Jahresthema Wald ist für den Herbst 2023 bereits in Planung. Die Wanderspace Skulptur wird in diesem Rahmen zum ersten Mal zum Einsatz kommen, das Projekt begleiten und u. a. auch als Ausstellungsdisplay fungieren.

Waldfegen, Ivo Weber

Wanderspace Jahresthemen

Der thematische Rahmen der WS Projekte ergibt sich aus der Einbindung in die ländlich-industrialisierte Region Südwestfalen (SWF). Die Besonderheiten und Herausforderungen der Region werden in ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Relevanz sowie mit Blick auf aktuelle Erfordernisse sozial und ökologisch nachhaltiger Entwicklungsmöglichkeiten reflektiert. Auf diese Weise lassen sich regional relevante Themenschwerpunkte wie Wald/Holz (Jahresthema 2023/24), Land(-wirtschaft) (Jahresthema 2025) und Wasser (Jahresthema 2026) entwickeln, die vielfältige Möglichkeiten der multiperspektivischen Auseinandersetzung eröffnen. Auf diese Weise können die künstlerischen Projekte des WS ein Ausgangspunkt für transdisziplinäre Erkundungen werden, die einen breiten Einbezug von Akteur*innen aus der Region ermöglichen.

Diskursive Grundlagen von künstlerischen Projekten im ländlichen Südwestfalen

Text von Dr. Susanne Henning

Ziel von wanderspace ist es, einen sowohl immateriellen als auch materiellen Rahmen zu entwickeln und zu erproben, innerhalb dessen künstlerische Projekte im ländlichen Südwestfalen stattfinden können. Neben praktischen Erfahrungen und Erkundungen bildet eine Auseinandersetzung mit diskursiven Hintergründen, den Implikationen und Vorannahmen dieses Vorhabens eine zentrale Grundlage des Projekts. Diese Auseinandersetzung dient der Suche nach Orientierungsmöglichkeiten, aus denen sich Praktiken entwickeln lassen.
Eine Vorannahme von Projekten, die wie wanderspace künstlerische Prozesse im ländlichen Raum initiieren möchten, besteht darin, dass diese Projekte positive Wirkungen entfalten. Eine konkretere Begründungs- und Legitimationsfigur in diesem Zusammenhang ist die These, dass künstlerische Projekte zu einer Demokratisierung von Teilhabe an gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen beitragen. Doch wie können künstlerische Projekte in dieser Hinsicht performativ werden? Und wie verhält sich eine solche Performativität zu Fragen künstlerischer Autonomie?

Wie mit der Philosophin Isabelle Stengers überlegt werden kann, gerät durch die Annahme, dass künstlerische Projekte sich in positiver Weise auf ländliche Räume auswirken, die Frage nach herrschaftsfreien Beziehungen zwischen Künstler*innen und Landbewohner*innen in den Blick.
Eine solche Herrschaftsfreiheit sieht Stengers durch Perspektiven bedroht, in denen Künstlerinnen als Sehende Nicht-Künstler*innen neue Wege aufzeigen. Aus dieser Perspektive entwickelte künstlerische Projekte seien durch einen Elitismus geprägt, der für eine produktive Zusammenarbeit von Künstler*innen und Land-/Dorfbewohner*innen keine geeignete Basis bilde, sondern dazu führe, dass sich letztere schmollend abwendeten. (1) Auch Jacques Rancière problematisiert ein hierarchisches Verständnis der Beziehung von Künstlerinnen und Nicht-Künstlerinnen, nach dem Kunst die Aufgabe zugedacht werde, „Botschaften zu übermitteln, Modelle oder Gegenmodelle des Verhaltens vorzugeben oder zu lehren, wie man die Repräsentationen zu entziffern hat.“ (2) Eine so begriffene Kunst im Sinne einer „Pädagogik der repräsentativen Vermittlung“ (3) trage gerade nicht zu gemeinschaftlichen Entwicklungen oder einer Demokratisierung von Emanzipationsmöglichkeiten bei, sondern zementiere vielmehr bestehende Verhältnisse. (4) Als ebenso wenig erfolgversprechend können jedoch, und auch hier stimmen Stengers und Rancière überein, Perspektiven betrachtet werden, aus denen die Differenz zwischen Künstler*innen und Nicht-Künstler*innen, künstlerischen und alltäglichen Praktiken auf unterschiedliche Weise negiert wird. So problematisiert Stengers Vorgehensweisen, bei denen es darum geht, „denen, die ausgeschlossen sind, ein Wissen oder eine Vorstellungskraft zuzuschreiben, das darauf wartet, anerkannt zu werden“. (5) Hiermit einher gehe eine konsensorientierte „Partizipationsrhetorik […], die ihren Erfolg daran bemisst, dass ‚viele Leute dabei waren‘“(6), d.h. nicht danach fragt, inwiefern gemeinschaftlich selbstbestimmte, eigenes Denken erfordernde Formen der Teilhabe entwickelt werden. Für Jacques Rancière untergräbt eine Entdifferenzierung von Kunst und alltäglichen Praktiken insofern eine gesellschaftliche Wirksamkeit des Künstlerischen, als diese sich nur in einem Spannungsfeld zwischen aktiven und passiven Formen einer Widerständigkeit gegenüber bestehenden Verhältnissen entfalten könne. (7) Sobald künstlerisches Arbeiten sich soweit in außerkünstlerische Formen der Aktion bzw. des Aktivismus entgrenzt, dass sie von diesen nicht mehr unterschieden werden kann und somit die Form einer „Pädagogik der ethischen Unmittelbarkeit“ (8) annimmt, verliert sie aus Rancières Perspektive ihre transformativen Möglichkeiten.
Die vorgestellten Überlegungen zeigen zum einen auf, welche Verständnisse künstlerischen Arbeitens im ländlichen Raum einer Wirksamkeit von wanderspace-Projekten im Weg stehen könnten, zum anderen lassen sich aus ihnen Fragestellungen ableiten, die für die Konzeption dieser Projekte erkenntnis- und handlungsleitend sind: Wie kann künstlerisches Arbeiten im ländlichen Raum gedacht werden, das sich einerseits seiner Differenz zu alltäglichem Denken und Handeln bewusst ist und diese erkennbar werden lässt, aus seiner Besonderheit aber keine Haltung ableitet, die ein hierarchisches Verhältnis zwischen Künstler*innen und Nicht-Künstler*innen impliziert? Wie entsteht ein „Prozess, der seinen Ausgangspunkt auf die Probe stellt, der von allen Beteiligten eine Erweiterung ihres Blickfeldes erfordert.“ (9), d.h. für alle im gleichen Maße Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet? Wie können Projekte initiiert werden, in denen künstlerisches Arbeiten sich den jeweils spezifischen Fragestellungen eines Dorfes, einer Initiative, einer Region öffnet und in seiner Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen ein Spannungsverhältnis zwischen Autonomie und Heteronomie aufrechterhält? Welche Chancen eröffnen sich durch künstlerische Projekte, die ihre partizipativen und performativen Möglichkeiten in einem Wechselspiel zwischen „Mittendrin und Draußen“ (10) entfalten?
In der Konzeption von wanderspace trägt eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen zu Konturierungen bei. So bilden sie einen Hintergrund, vor dem über die Wahl von Künstlerinnen und Projektorten sowie über deren Zusammenfinden nachgedacht werden kann. Sie sind die Grundlage für die zeitliche Planung von Projekten, die der notwendigen Prozesshaftigkeit von Kollaborationen, einem „Mit-Werden“ (11) von Künstlerinnen und den nicht nur menschlichen Akteur*innen an den Projektorten, gerecht zu werden vermögen. Sie zeigen auf, dass Projekte gerade dann ihre Wirkungen entfalten, wenn sie nicht unmittelbar pädagogisch, sondern vielmehr als Eröffnung von Denk- und Kommunikationsräumen gedacht und entsprechend initiiert werden. Sie verweisen darüber hinaus auf Möglichkeiten, die im Rahmen von Projekten entstehenden künstlerischen Arbeiten zu denken: als Werke von Künstler*innen, deren Entstehung ohne die Begegnungen und den Austausch vor Ort nicht möglich gewesen wäre. (12) Nicht zuletzt sind die vorgestellten diskursiven Überlegungen auch eine Grundlage für die Entwicklung des materiellen wanderspace. Den Besonderheiten der künstlerischen Projekte des wanderspace entsprechend, erscheinen hier offene, veränderliche Strukturen geeignet, die verschiedene Aufgaben haben können, ohne in einer Funktionalität aufzugehen. So kann das materielle wanderspace Orte der Begegnung, Vernetzung oder der Präsentation bilden. Es kann Werkstatt oder Atelier sein und die regionale und überregionale Aufmerksamkeit auf die wanderspace-Projekte lenken. Gleichzeitig kann es als Skulptur sein Umfeld temporär künstlerisch transformieren oder eine autonome Objekthaftigkeit in den Vordergrund stellen.

(1) Vgl. Isabelle Stengers: Weil ich mich jetzt dazu autorisiert fühlen würde. https://neueauftraggeber.
de/de/offentlicher-dialog/im-auftrag-kunst-in-beziehung/weil-ich-mich-jetzt-dazu-autorisiert fuhlen-wurde.
(2) Jacques Rancière: Der emanzipierte Zuschauer. Wien: Passagen Verlag 2009, S. 68.
(3) Ebd.
(4) Im Sinne von „Aufteilungen des Sinnlichen“ als Strukturen, innerhalb derer festgelegt ist, wer wahrgenommen wird und eine Stimme hat und wer nicht. Vgl. Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Berlin: b-books 2006, S. 25f.
(5) Isabelle Stengers: Weil ich mich jetzt dazu autorisiert fühlen würde.
(6) Ebd.
(7) Vgl. Jacques Rancière: Ist Kunst widerständig? Berlin: Merve 2008.
(8) Jacques Rancière: Der emanzipierte Zuschauer, S. 69.
(9) Isabelle Stengers: Weil ich mich jetzt dazu autorisiert fühlen würde.
(10) Max Glauner: Get involved! Partizipation als künstlerische Strategie, deren Modi Interaktion, Kooperation und Kollaboration und die Erfahrung eines „Mittendrin-und-draußen“, Kunstforum International Bd. 240 2016, S. 30-55.
(11) Donna J. Haraway, When Species Meet. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2008, S. 244.
(12) „Das Werk geht durch ihn [den Künstler] hindurch, aber sein Erfolg wird sein, dass es nicht nur sein eigenes ist.“ Isabelle Stengers: Weil ich mich jetzt dazu autorisiert fühlen würde.

Wanderspace@Netphen

Bei Interesse senden wir Ihnen die Publikation gerne zu. Kontakt: info@wanderspace.de

Wanderspace Team

Team_wanderspace

wanderspace wird initiiert von:

Prof. Johanna Schwarz
Universität Siegen
Fakultät II - Fach Kunst
Künstlerische Strategien im öffentlichen Raum & Kulturelle Bildung
schwarz@kunst.uni-siegen.de

und

Dr. Susanne Henning
Wiss. Mitarbeiterin im Bereich Didaktik der bildenden Künste
Kunstakademie Düsseldorf
susanne.henning@kunstakademie-duesseldorf.de

Mitarbeitende der Universität Siegen:

Alexandra-Joy Jaeckel
Künstlerische Mitarbeiterin

Samuel Treindl
Künstlerischer Mitarbeiter

Natalie Kowitz
Studentische Mitarbeiterin

Ehemalige Mitarbeitende:

Sarah Bäumer
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Tessa Knapp
Künstlerische Mitarbeiterin

Aaron Krause
Wissenschaftliche Hilfskraft

Kooperationspartner*innen:

Dipl.-Ing. Univ.-Prof. Ulrich Exner
Universität Siegen
Fakultät II – Department Architektur
Raumgestaltung und Entwerfen

Qulturwerkstatt Netphen e.V.
Stefan Bünnig

Kunstverein Siegen
Jennifer Cierlitza
u.a.