@Netphen 2021

Info
Schubberstücke
Versuchsfeld & Mythos-Grill
Temporär. Installativ. Ortsbezogen
Farbwerkstatt
Trace, Track, Trail
Mythos-Grill online
Infraframing

wanderspace@netphen ist ein Kunstevent, das vom Frühjahr bis zum Herbst 2021 in Netphen-Deuz und Umgebung stattfand. Es handelt sich um eine Kooperation der Universität Siegen, Lehrbereich Künstlerische Strategien im öffentlichen Raum & Kulturelle Bildung mit der Qulturwerkstatt Netphen. Als Pilotprojekt des wanderspace umfasst es Arbeiten des Gastkünstlers Matthias Schamp, künstlerische Projekte und Aktivitäten kultureller Bildung von Studierenden und Lehrenden der Universität Siegen, Präsentationen sowie Auftakt- und Abschlussveranstaltungen.

Bei Interesse senden wir Ihnen gerne die Publikation zu. Kontakt: info@wanderspace.de

Schubberstücke
Kunst für Schweine

Matthias Schamp

"Ich mache jetzt auch Kunst für Schweine. Am 22. September 2021 wurden von mir im Schweinestall und bei der Suhle auf dem Birkenhof in Wilnsdorf-Wilgersdorf Kunstwerke für die Schweine installiert. Und zwar »Schubberstücke«. Schubberstücke sind nicht so sehr zum Betrachten gemacht, sondern die Rezipienten – in diesem Fall also die Schweine – sollen sich daran »schubbern“, das heißt, reiben. Mit der Serie »Schubberstücke« habe ich 2016 begonnen.

Die Schubberstücke, die ich bisher geschaffen hatte, waren allesamt für Menschen. Mit den Schubberstücken für Schweine betrete ich also Neuland. Da die ästhetischen Kategorien der Schweine weitgehend unbekannt sind, ist vieles noch ungewiss: Gibt es zum Beispiel Schubberstücke, die für den Schweine-Massengeschmack tauglich sind und andere, die eher an das elitäre Empfinden einzelner, besonders distinguierter Schweine appellieren, aber von der Mehrheit im Stall abgelehnt werden? Um das herauszufinden, wurde mit verschiedenen Materialien experimentiert. Auch kunst-geschichtliche Verweise finden sich. So thematisiert zum Beispiel das »Kleine Schubberstücke für Ferkel« den Übergang von der Gotik zur Renaissance. Spitzbogige »gotische« Bürs-ten treffen auf Dürers »Betende Hände«. Bei einem anderen Schubberstück wird das Genre des Blumenstilllebens um Spülbürstenköpfe bereichert. Das »Schuh-Schubberstück« steht in der Traditionslinie des Nouveau Réalisme und versteht sich unter anderem auch als Ver-beugung vor dem Werk von Arman. »Ja, so warn‘s, die alten Rittersleut«, das nah der Suhle installierte Werk (nach einem Lied von Karl Valentin), erinnert hingegen an die rustikalen Zeiten, in denen Schweine am Spieß gedreht wurden. Wodurch das Werk existenzielle Tiefe erhält. Bei der Installation der Werke war das Schweine-Publikum mit Eifer dabei. Zwar bekundeten einzelne Schweine auch ostentativ Desinteresse, indem sie beispielsweise den Kopf in das Stroh steckten. Doch andere konnten gar nicht genug kriegen. Und es wurde auch schon eifrig geschubbert. Wie lange die Ausstellung für die Schweine geöffnet sein wird, hängt vor allem auch von der Begeisterung ab, die ihr weiterhin seitens der Schweine entgegengebracht wird. Das heißt, sie währt so lange, bis die Kunstwerke durchgeschubbert sind. Wer den Schweinen beim Schubbern zusehen will, ist herzlich zu einem Besuch im Birkenhof eingeladen. Vielen Dank an Lisa Maschlanka und den Birkenhof für die gute Zusamnmenarbeit. Euer Matthias Schamp"

Versuchsfeld & Mythos-Grill
Beitrag zu einer umgekehrten Archäologie

Matthias Schamp

"Der Bronzeabguss einer Kartoffel wird auf einer Wiese in der Nähe eines Einkaufszentrums in Netphen-Deuz vergraben. Dies ist ein Akt von »umgekehrter« Archäologie: Eingrabungen statt Ausgrabungen! Durch das Versenken von Gegenständen im Erdreich wird dafür Sorge getragen, dass auch künftigen Forschern der Stoff nicht ausgeht. Seit 1997 betreibe ich die Pommesbude und alltagsarchäologische Spielstätte DER MYTHOS-GRILL. Das Geschäft floriert mit temporären Filialen im In- und Ausland und einer sich immer breiter auffächernden Angebotspalette: Fischstäbchen-Bringservice, Frikandel-Staffellauf, Fritteusenfarbkreis, Pommesgabel-Sortieraktion, »Sei-dein-eigener-MYTHOS-GRILL«-Salbe, Grundfarben-Frittieren… Und nun also erstmalig auch Bronzekartoffel-Vergrabung. Insofern wird mit dem »Versuchsfeld« Neuland betreten.

Die Kartoffel, die als Vorlage für den Abguss diente, war keine gewöhnliche Kartoffel. Sondern eine Siegerkartoffel. Und zwar die »Schönste«.
Doch was heißt hier: die »Schönste«? Ich finde Kartoffeln eigentlich insgesamt schön. Ich liebe ihren erdigen Geruch, ihre Haptik und die Vielfalt der Formen. Und natürlich auch den Geschmack, wie er sich in unzähligen Zubereitungsformen immer wieder neu entfaltet. Aber ich hätte mir persönlich niemals zugetraut, die Schönste zu bestimmen. Daher ein demokratisches Verfahren. In Presse und Social Media gab es einen Aufruf an die Bevölkerung. Jeder durfte ein Exemplar nominieren. Und am 25. September 2021 wurde gewählt. In der temporären MYTHOS-GRILL-Filiale, die an diesem Tag im Rahmen des Abschlussfestes von wanderspace@netphen stattfand, wurden zunächst 28 Anwärter präsentiert. Und dann in geheimer Wahl die Siegerkartoffel ermittelt. Wahlberechtigt waren alle Besucher des Abschlussfestes. Bei der Abgabe ihrer Stimmen sollten sie sich vor allem von der Überlegung leiten lassen, dass eine möglichst »kartoffelige« Kartoffel gesucht wird. Also nicht etwa eine, die etwas ganz anderes in ihrer Gestalt ausdrückt (»Herz«, »Engel« etc.). Sondern eine Kartoffel, die eben das Besondere des Kartoffelseins besonders schön zur Geltung bringt. Die Siegerkartoffel entspricht dieser Maßgabe voll und ganz. Zwar ließen sich auch an ihr noch rudimentär anthropomorphe Verweise ausmachen, vor allem durch die leichte Taillierung, die gewissermaßen einen Kopfteil von einem Rumpf scheidet. Doch durch die feine Biegung schmiegt sie sich der Hand besonders gut an. Sie hat Höhen und Tiefen. Eine markante Delle. Sie ist spannungsvoll und zugleich elegant. Nach diesem Ereignis wanderte die Siegerkartoffel in die Gießerei, die sie in Bronze goß. Die Bronzekartoffel ist ein Unikat, welches nun nach der Eingrabung allen Blicken entzogen ist. Für immer – oder doch für unbestimmte Zeit. Man müsse sich beeilen wenn man etwas sehen wolle, alles verschwinde, meinte einst Paul Cézanne. Bevor sie im Erdreich versenkt wurde, ging die Kartoffel noch einmal von Hand zu Hand. Welche Wirkungen wird sie von nun an aus dem Verborgenen heraus entfalten? Das Versuchsfeld und damit den Ort der Eingrabung markiert eine Tafel. Ein zufälliger Passant mag darüber ins Grübeln geraten. Sollte dies der Fall sein, hat die Bronzekartoffel bereits gekeimt."


Temporär.Installativ.Ortsbezogen
Kunst im öffentlichen Raum

Leitung: Prof. Johanna Schwarz
Teilnehmende: Studierende der Kunst

Eine Kuh liegt auf der Wiese vor der Kirche, farbige Fäden sind zwischen Bäumen im Garten gespannt, ein weißes, großes Rechteck aus Kreide findet sich auf einem Parkplatz, 20 rote Holzpfähle bilden eine Linie auf einem Feld, Miniaturfachwerkhäuser stehen auf Sockeln im Außenraum...

Im Rahmen des groß angelegten Kunstprojektes wanderspace@netphen ging es in diesem Seminar um Kunst im öffentlichen, ländlichen Raum. Kunst, die direkt in die Gesellschaft eingreift und im öffentlichen Raum sichtbar wird. Kunst, die in Kontakt tritt mit allen, die sich dafür interessieren, vor Ort, vor der eigenen Haustür. Kunst, die irritiert. In diesem Fall in Netphen-Deuz.Die Studierenden haben sich nach einer intensiven Ortsbegehung einen oder mehrere »eigene« Orte gesucht, die Sie bespielen wollten: einen Garten, eine Straße, den Kirchplatz, ein Feld in der Nähe.Es wurden Installationen und Skulpturen entwickelt und performative Verfahren erprobt. Diese Erfahrung war für die meisten der Studierenden neu, die direkte Begegnung und Konfrontation mit den Bürger*innen war ungewohnt. Es entstanden spontane Gespräche über Kunst, es gab Fragen und kritische Reaktionen. Das prozesshafte Arbeiten stand im Vordergrund, der Bezug zur Situation vor Ort gab den Ausschlag. Scheitern und Neuentwicklung des Konzeptes war Teil des Prozesses

Farbexperimente
Die farbliche Kartierung einer Landschaft

Leitung: Alexandra-Joy Jaeckel
Teilnehmende: Studierende der Sozialen Arbeit / Kulturelle Bildung

Ausgangspunkt für unsere farbliche Entdeckungsreise war die ländliche Ortschaft Netphen-Deuz. Zwei Tagesexkursionen gaben uns im Juni Zeit, vor Ort durch die Natur zu streifen und ihre Farben, Formen und Strukturen sinnlich zu erfahren und zu erforschen. Farbe gilt als das älteste Kommunikationsmittel der Welt. Sie transportiert Emotionen und Informationen und stellt zudem Beziehungen zu unserer Umwelt her. Wir gingen der Frage nach, wie die natürliche Farbpalette von Netphen-Deuz aussieht und welche regionalen Eigenschaften künstlerisch erzählt werden sollten.

Entstanden ist dazu eine Farbwerkstatt, in der zunächst natürliche Farben aus regionalen Mineralien, Erden und Pflanzen hergestellt wurden. Um eine aussagekräftigere Farbpalette zu erhalten, wurden gezielt weitere Farben aus Gewürzen, Obst und Gemüse gewonnen und mit Zusätzen wie Essig, Zitronensäure und Natron weiter verändert. Der kreative Prozess wurde abgerundet durch das Erproben von experimentellen Zeichentechniken und der künstlerischen Umsetzung eigener Landschaftseindrücke. Ziel war es, den künstlerischen Schaffensprozess von der Inspiration durch die Natur bis hin zur Umsetzung erlebbar zu machen. Verfolgt wurde dabei ein spielerischer Ansatz, der die Freude am Experimentieren und das prozesshafte Lernen durch Ausprobieren fördert. Aufbauend auf ihren Erfahrungen haben die Teilnehmenden im Anschluss eigene künstlerische Bildungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen der Sozialen Arbeit und deren Lebenswelten entwickelt und durchgeführt.

Trace, Track, Trail
Performative Land Art

Leitung: Tessa Knapp
Teilnehmende: Studierende der Kunst und der Sozialen Arbeit / Kulturelle Bildung

Aktionen im Freien und Virtuellen: mit dem eigenen Körper, digitalen Tools und Strategien zu Raum und Zeit haben wir uns mit dem ländlichen Außenraum künstlerisch beschäftigt. Landschaft, Wald und Feld werden zur Bühne und Location für Improvisationen und Interventionen. Dabei überlagern sich virtuelle und physische Modi der Raumerkundung. Nach einführenden Impulsen zur konzeptuellen Land Art-Bewegung, der Videoperformance und Post-Internet-Art haben wir Raum zunächst digital in Form von Google-Streetview-Wanderungen und schließlich das Freiluftatelier um den Kreis Netphen-Deuz in situ erforscht. Der Schwerpunkt lag darin, performatives Arbeiten mit Video zu verknüpfen und Vorgefundenes wie auch Partizipatives einzubeziehen. Nach performativen Improvisationen im Wald entwickelten wir eine Videoperformance für Dronenflüge in Vogelperspektive und erlebten nach Sonnenuntergang eine partizipative Lichtperformance. Immer wieder haben wir dabei das Verhältnis von virtuellem und physischem Raum für den künstlerischen Schaffensprozess sowie seine Rezeptionsbedingungen reflektiert.

Parasol-Performance & Para Maps
Videoperformance für eine fernbediente Vogelperspektive

Der Name Parasol ist eine veraltete Bezeichnung für Sonnenschirm und spielt auf die charakteristische Form der Pilzsorte des Gemeinen Riesenschirmlings an. Wie können wir Bewegungsbilder erzeugen für eine ferngesteuerte Drone? Können wir auch oberirdisch ein Netzwerk bilden? Wie ließen sich bei der visuellen Erfassung der Welt durch Onlinekartendienste mit ein paar minimalistischen Interventionen neue Standorte kreieren, die ein Zeichen setzten?

Firefly-Performance
Eine partizipative Lichtperformance und eine Annäherung an die Biolumineszenz

Der Mythos-Grill
und die weltweit größte Frittenskulpturen-Parallelschnitzaktion

Matthias Schamp

"1997 gründete ich in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum Münster den MYTHOS-GRILL. Das Unternehmen ist alltagsarchäologische Spielstätte und Pommesbude zugleich. Seitdem floriert es mit temporären Filialen in Museen und Kunstinstitutionen im In- und Ausland. Dabei wurde die Angebotspalette permanent erweitert. Ob mit Angeboten wie Fischstäbchen-Bringservice, Frikandel-Staffellauf, Fritteusenfarbkreis, Pommesgabel-Sortieraktion, »Sei-dein-eigener-MYTHOS-GRILL«-Salbe oder Grundfarben-Frittieren – den Bedürfnissen einer anspruchsvollen Kundschaft wird auf vielerlei Weise Rechnung getragen. Mit der weltweit größten Frittenskulpturen-Parallelschnitzaktion hat der MYTHOS-GRILL sein Fähnlein nun auch in den unermesslichen virtuellen Weiten des World Wide Webs eingerammt. Unter besonderer Verwendung des Ankerpunkts »Netphen«. Über hundert über ganz Deutschland verstreute Teilnehmer hatten sich zu diesem Zweck zur selben Zeit vor ihren Bildschirmen versammelt. Alle mit einem Küchenmesser und einer Kartoffel bewehrt. Was sagt uns das? Eine Sage ist in Entstehung begriffen: die Netphen-Saga. Aus dem Nebel des Ungefähren schälen sich Gestalten: Wildschwein, Schiff, Wagenrad, Pilz, Stern, Obelisk, Drache, Ochse, Eule. Und noch vieles mehr, das sich nicht immer klar benennen lässt. Egal ob Marmorblock oder Kartoffel – immer geht es darum, die Gestalt im Inneren des Materials zu erspüren. Die Schälmesser blitzen und schnitzen. Die Kartoffelschalen fliegen. Schicht für Schicht treten die skulpturalen Wesenskerne zutage. Auch allerlei Fabelwesen: ambossköpfig, verknautscht, knollig, graziös…

MYTHOS-GRILL – flutschig und virtuell
Unter den vielen Aktivitäten des MYTHOS-GRILL bildet die weltweit größte Frittenskulpturen-Parallelschnitzaktion eine Besonderheit. Eigentlich war geplant, am 30. April 2021 zum Auftakt des Projekts wanderspace@netphen mit einer temporären Filiale in Netphen aufzuschlagen. Der Plan musste aufgrund der epidemischen Lage in Deutschland und den damit einhergehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens kurzfristig fallen gelassen werden. Aber zum Glück zeichnet sich das Unternehmen MYTHOS-GRILL durch ein besonderes Maß an Flexibilität und Flutschigkeit aus. Während andere Gastronomieketten durch uniformes Auftreten mittels Corporate Design schwerfällig und gehemmt sind, beruht die Schlagkraft des MYTHOS-GRILL in seiner Fähigkeit zum Gestaltwandel. Das ermöglicht es dem Unternehmen, sich blitzschnell auf veränderte Gegebenheiten einzustellen und auch Nischen für sich einzunehmen. Eine solche Nische bildeten die gerade aufkommenden Zoom-Konferenzen. Die Form der Zoom-Konferenz schuf den Rahmen für die weltweit größte Frittenskulpturen-Parallelschnitzaktion.

Das eigentliche Ereignis
Alle an der Teilnahme Interessierten erhielten einen Link. Mit diesem Link konnten sie sich in diese spezielle temporäre Filiale einwählen. Zur Einstimmung diente ein kurzer Impulsvortrag zum MYTHOS-GRILL sowie eine Bilderschau mit Erläuterungen zu den Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten von Netphen, einer aus 21 Ortschaften gebildeten Flächengemeinde im Kreis Siegen-Wittgenstein. Daran schloss sich die Bitte an, nun aus den Kartoffeln – abstrakt oder gegenständlich – Beiträge zur Netphen-Saga zu schnitzen. Diese konnten im engeren Sinne illustrierend das Gehörte aufgreifen oder auch völlig frei erfunden sein. Netphen sollte ja ausdrücklich um ein Element des Fantastischen bereichert werden. Geschnitzt wurde in sogenannten »Breakout-Räumen«, d. h., jeweils sechs Einwahlstationen mit ihren jeweiligen Teilnehmenden wurden zu einer Gruppe zusammengefasst. Das förderte den gegenseitigen Austausch. Man traf sich in einer per Zufall zusammengestellten intimen Runde fast schon wie um einen Küchentisch herum und plauderte angeregt während des Schnitzens. In den kommunikationsarmen Corona-Zeiten ein seltenes Glück. Nach 20 Minuten wurden die Breakout-Räume aufgelöst und alle kamen erneut zusammen. (Wer noch nicht fertig war, konnte anschließend seine Skulptur natürlich in Ruhe weiterschnitzen.) Nun ging es ans Eingemachte, d. h., eine Bestandsaufmahme aller Dinge und Wesenheiten, die den Kartoffeln entsprungen waren. Diese begannen eine Art Tanz. Eines nach dem anderen wurde vor die Kameraaugen der Webcams gehoben. Dazu kurze Erläuterungen seitens ihrer Schöpferinnen und Schöpfer. So traten die Elemente der Netphen-Saga zutage und setzten sich in Beziehung.

Es war einmal … eine Saga
Aus der Welt der Märchen, Sagen und Legenden kennt man das Element der Verwandlung. Ovid hat sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben: Metamorphosen. In knappen Sätzen ließen sich die Geschehnisse der weltweit größten Frittenskulpturen-Parallelschnitzaktion vielleicht so zusammenfassen: »Es waren einmal über hundert Kartoffeln. Die wurden verwandelt. Erhielten eine individuelle Form und metophorischen Sinn in einer völlig neuen, kartoffelfernen Weise. Sie kamen zusammen auf der großen Bühne des Lebens und zerstreuten sich wieder. Am Ende wurden alle gegessen. Doch sie leben fort in Bildern und Berichten …« Und die Gesamtheit dieser Erzählungen, die nicht zuletzt auch von denen forciert und in die Welt getragen werden, die an der Aktion beteiligt waren – das ist die Netphen-Saga!"

Infraframing
Partizipation & Performance im Zeitalter von Zoomkonferenzen

Leitung: Matthias Schamp
Teilnehmende: Studierende der Sozialen Arbeit / Kulturelle Bildung in Kooperation mit Anne Irle und Schüler*innen vom Gymnasium Netphen

"»Infraframing« nenne ich das von mir entwickelte Verfahren. Mit ihm lässt sich Zoomkonferenzen, so öde sie sonst auch sind, durchaus etwas abgewinnen. Weil unterhalb der Frames gedanklich eine Ebene eingezogen wird, auf der Begegnung in einer neuartigen Weise stattfindet. An die Stelle der Zersplitterung der Subjekte in einzelne Frames tritt die Gemeinschaft, die sich zu einer Gesamtform zusammenschließt und aus mehreren ausschnitthaften Einzelbildern ein zusammengehörendes Tableau formt. Um zu ansprechenden Resultaten zu gelangen, sind Bewegungen und Verrenkungen und auch das Hantieren mit diversen Dingen notwendig. Am Ende macht es »Klick« und der reale Raum fällt mit dem virtuellen zusammen.

Das Verfahren lässt sich jederzeit anwenden. Insofern ist es völlig unabhängig von der Pandemie, aufgrund der sich Menschen seit Anfang 2020 plötzlich explosionsartig in Zoomkonferenzen und vergleichbaren Online-Formaten wiederfanden. Trotzdem war diese Situation in gewisser Weise auch Auslöser. Am Anfang stand bei mir die Unlust, an der-artigen Veranstaltungen teilzunehmen, und daraus resultierend der Versuch, das Ausgeliefertsein an die damit einhergehenden Raumdispositionen und Rituale zu durchbrechen. Der Exodus ins Virtuelle sollte nicht auf Kosten des Greifbaren, des Tänzerischen und der körperlichen Verausgabung gehen, zudem Begegnung mehr sein als der bloße Blick in Kameragesichter. Die Distanziertheit, die scheinbar unabdingbar mit Zoomkonferenzen einhergeht, sollte umgewandelt werden in eine neue Dimension von Nähe. Insofern ist »Infraframing« auch eine Fortsetzung meiner seit 2004 entwickelten »Kontra-virtuellen Programme« und steht in gedanklicher Verbindung zu der von mir 1999 ins Leben gerufenen »Wir sind das Bild!«-Bewegung.

»Infraframing« wurde bereits mehrfach erprobt. Drei gemeinsame Sessions mit Mitgliedern des international agierenden Performer-Netzwerks PAErsche führten zu künstlerisch überzeugenden Resultaten. Aber auch die Zusammenarbeit mit Studierenden verschiedener Universitäten diente zu mehr als bloßer Selbstfindung und Unterhaltung der Teilnehmenden. Es entstanden Bilder von oftmals verblüffender Prägnanz und surrealer Durchschlagkraft. Dazu war jede Menge kontrolliertes und koordiniertes Handeln nötig. Aber auch der Einbezug des Zufalls und spontanes Reagieren. »Infraframing« ist eine intersubjektive Collagetechnik. Die erzeugten und per Screenshot gesicherten Bilder beruhen auf Absprache der jeweils ein Tableau bildenden Session-Mitglieder. Die gemeinsame Aktion führt dann zu einer mal mehr, mal weniger gelungenen Umsetzung dieser im Team entwickelten Bildidee. Dabei darf man die Schwierigkeiten nicht unterschätzen: u. a. gespiegelte Videos, unterschiedlich angeordnete Frames auf den jeweiligen Bildschirmen oder abweichende Skalierungen. Nicht immer lassen sich die Anschlussstellen einer die einzelnen Framegrenzen sprengenden Form passgenau treffen.

»Infraframing« startete im August 2020 auf einem gemeinsamen Online-Sommer-camp der Universitäten Bielefeld und Paderborn. Danach fanden Sessions mit Online-Seminaren der Evangelischen Hochschule RWL statt. Im Rahmen des Projekts wanderspace@netphen wurde nun eine Potenzierung erarbeitet. Nicht nur wegen der großen Zahl der Teilnehmenden. Sondern auch, weil das Verfahren erstmals im Schneeballsystem angewendet wurde. Zunächst wurden Studierende der Universität Siegen mittels eigener Sessions mit »Infraframing« vertraut gemacht. Und dann haben diese selber wieder verteilt auf mehrere Kleingruppen Schüler*innen aus zwei Klassen des Gymnasiums Netphen sowie weiteren interessierten Einwohner*innen angeleitet. Einige der Ergebnisse sind bestechend.

Und »Infraframing« ist damit längst noch nicht ausgeschöpft!

Ein kaleidoskopartiger, multidimensionaler Raum, in dem Wirklichkeiten facettenreich zusammenlaufen, drängt danach, spielerisch eingenommen zu werden. Daher mein Aufruf an alle, die sich auf Zoomkonferenzen langweilen: Sprengt die Grenzen eurer Frames. Schneidet Fratzen und verrenkt euch. Begebt euch ins Kaleidoskop der sinnstiftenden Handlungen. Bildet Banden!"

Text: Matthias Schamp